
Mein Name ist Jing Wang. Ich bin 33 Jahre alt und als Dolmetscherin für Chinesisch und Journalistin tätig. Ich bin in Beijing geboren. Vor zehn Jahren bin ich wegen des Studiums nach Deutschland gekommen. Im Mai 2006 habe ich von diesem Projekt des Lernhauses der Frauen gehört und wollte gerne daran teilnehmen, weil ich mich für Menschen aus anderen Kulturkreisen und Religionen interessiere und zu dem Austausch zwischen verschiedenen Kulturen etwas beitragen wollte.
Ich selber praktiziere Falun Gong, eine buddhistische Meditationspraxis aus China. Es besteht aus fünf langsamen und harmonischen Chi-Gong Übungen und drei Prinzipien: „Wahrhaftigkeit, Barmherzigkeit und Nachsicht“, welche die Harmonie der Körper und Geist fördern.
Bevor ich im Okt. 2005 von Bruchsal, einem kleinen Städtchen in Baden-Württemberg nach Berlin gezogen bin, hatte ich zwar viele Erfahrungen mit Deutschen gehabt, aber relativ wenig mit Menschen aus anderen Kulturkreisen. Nach Berlin umgezogen, habe ich aus den Medienberichten hier die Spannung zwischen verschiedenen Kultur- und Religionskreisen gespürt. Hier und dort tauchen Geschichten auf, wie z.B. von einer Türkin, die von ihren Brüdern getötet wurde, weil sie sich „wie eine Deutsche verhalten hatte“. Oder ein schwarzer Afrikaner, der von ein paar ausländerfeindlichen deutschen Jugendlichen zusammengeschlagen wurde.... Auf der Straße sieht man in manchen Stadtteilen in Berlin mehr arabische oder türkische Gesichter als deutsche.
Gleichzeitig habe ich auch gesehen, wie sich die deutsche Seite bemüht, diese Konflikte zu entschärfen, sei es von den deutschen Behörden, sei es von Bürgerinitiativen. Es gibt z.B. viele Auszeichnungen für Menschen oder Projekte, die das Verständnis zwischen verschiedenen Kulturen fördern. Veranstaltungen aller Arten werden organisiert, vom Karneval der Kulturen, bis hin zu langfristigen Gesprächsrunden zwischen Menschen verschiedener Herkunft wie die im Lernhaus der Kulturen.
Folgendes sind ein paar Erfahrungen, die ich bisher im Lernhaus der Frauen gesammelt habe:
Einmal haben wir im Rahmen einer Veranstaltung zu Dialogmethoden ein Spiel gemacht, in dem wir in zwei Gruppen eingeteilt wurden und über das Thema Migration diskutiert haben. Die zwei Gruppen sollten in der ersten Runde entgegengesetzte Meinungen vertreten und miteinander „streiten“, in der zweiten Runde aber sollten sie ihre Position wechseln. Jede Seite hatte eine Vertreterin, die hauptsächlich redete, und die anderen lieferten ihr Ideen.
Als über das Problem der Migrantenkinder diskutiert wurde, war die Vertreterin der Seite, die für eine harte Politik gegenüber Migranten eintreten sollte, ein Mädchen aus einer türkischen Familie. Sie wurde von der Seite, die eine milde Haltung gegenüber Migranten einnehmen sollte, gefragt, was man mit den Migrantenkindern machen sollte. Sie sagte sofort: „Abschieben“. (Natürlich denkt sie das nicht, und wir auch nicht). Danach hat sie gelacht, weil auch sie es sehr lustig fand, dass sie, ein Migrantenkind, in diesem Spiel gerade diese Seite vertreten und diese Antwort geben sollte.
Diese Antwort hat sie jedoch nicht aus der Luft gegriffen, sondern es gibt wirklich Menschen, die diese Meinung vertreten. Als ich das verstanden habe, war ich erstaunt, ich dachte: Wie kann man andere Menschen so grob behandeln, ohne auf ihre konkrete Situation zu achten? Viele Migrantenkinder sind in Deutschland geboren und leben so wie Deutsche. Sie können ja nichts dafür. Wenn sie in ihre Heimat zurückkehren würden, wo z.B. religiöse Sitten und Gebräuche ganz anders sind als die in Deutschland, wären die Kulturkonflikte so groß, dass sie dort nicht bleiben könnten. Aber hier in Deutschland sind sie harten Diskussionen über die Handlungsweisen gegenüber Migranten ausgesetzt.
Als Chinesin, die vor Berlin noch keine große deutsche Stadt mit vielen Ausländern erlebt hat, war ich vorher nie mit Ausländerfeindlichkeit und Migrationsproblemen richtig konfrontiert. Durch dieses Spiel im Wochenend-Seminar ist mir plötzlich bewusst, unter was für einer seelischen Belastung manche Migrantenkinder stehen. Und ich konnte die negativen Nachrichten in den Medien über die Spannungen zwischen Deutschen und „Ausländern“ näher betrachten. Bemühung von beiden Seiten und gegenseitiges Verständnis sind angesagt. Ich verstehe auch mehr den Sinn der vielen Integrationsprojekte in Berlin.
Was mich auch noch beeindruckt hat, war eine andere Übung, die wir gemacht haben, um unsere Vorurteile aufzudecken. Als Ausländerin habe ich eigentlich immer gedacht, dass ich wenig Vorurteile bezüglich Hautfarben, Landesherkunft usw. habe. Bis ich in diesem Wochenend-Seminar ein Bild gesehen habe, auf dem zwei Menschen hintereinander laufen. Ein weißer Polizist in Uniform läuft einem Schwarzen in Zivil hinterher. Die beiden strengen sich sehr an beim Laufen. Die Frage der Seminarleiterin war, was einem beim Hinblicken dieses Bildes als erstes einfällt.
Ich dachte sofort, dass ein weißer Polizist einen schwarzen Verbrecher hinterher läuft. Die richtige Antwort war aber, dass die beiden Polizisten sind, nur einer in Zivil und der andere in Uniform. Sie laufen einer dritten Person hinterher, die ein Verbrecher ist und aber auf dem Bild nicht zu sehen ist.
Mit Überraschung habe ich festgestellt, dass ich auch Vorurteile gegenüber Menschen aus anderen Kulturen habe, obwohl ich selber hier in Deutschland einer fremden Kultur angehöre. Ich erinnerte mich daran, was ich in meiner Kindheit über schwarze Menschen gehört hatte: Als ich in Beijing noch in der Schule war, hat mir eine Mutter einmal erzählt, dass die Studenten aus afrikanischen Ländern, die in der selben Universität studiert haben wie meine Mutter, mehr untereinander gestritten und manchmal sogar Gewalt eingesetzt haben. So habe ich schon als Kind die schwarzen Menschen mit gewalttätig verbunden, obwohl ich damals noch keinen von ihnen kannte.
Später habe ich in Deutschland viele freundliche und durchaus friedliche schwarze Afrikaner kennen gelernt, aber der erste Eindruck bleibt irgendwie immer noch tief im Unbewusstsein stecken. Mir ist klar geworden, dass ich, um gegenseitiges Verständnis zu erlangen, zuerst solche Vorurteile abbauen muss.
Ich finde auch die Atmosphäre im Lernhaus der Frauen sehr gut. Jede hat sich in ihrem Leben Gedanken gemacht über das Leben, den Glauben, Menschen.... Manche sind von Atheisten zu Christen geworden, manche bleiben Atheisten, glauben aber, dass es irgendwas gibt, was über diese Welt hinausgeht. Manche sind von Christen zu Muslimen geworden. Manche haben einen Weg gefunden, der nicht von vielen Menschen gegangen worden ist.... Allein diese verschiedenen Frauen kennen zu lernen ist schon etwas Spannendes. Mit großem Interesse habe ich die Biographien anderer Teilnehmerinnen mitbekommen, und ich konnte auch erzählen, wie ich zu Falun Gong gekommen bin, und wie ich durch das Praktizieren von Falun Gong nachsichtiger und gutherziger geworden bin.
Alle Teilnehmerinnen sind bereit, einander zuzuhören. Aber am Anfang war das Zuhören nicht immer so leicht, gerade weil alle im geistigen Bereich einen eigenen Weg gegangen sind und manchmal einige Frauen gleichzeitig ihre Erkenntnisse mitteilen wollten, die sie durch ihre Erlebnisse gemacht haben. Zum Schluss konnte niemand gehört werden. In dieser Situation hat das „Ballsystem“ sehr viel geholfen. Nur diejenige, die den Ball, der auf dem Tisch mittendrin lag, in die Hand nahm, durfte sprechen. Die, die ihn aber nicht hatten, mussten erst mal zuhören.
Am Anfang war das bei manchen Teilnehmerinnen schwierig, aber allmählich haben wir gemerkt, dass wir durch diese Übung gelernt haben, anderen besser zuzuhören. Ich bin eigentlich nicht der Typ, der gerne viel redet, sondern ich höre eher zu, aber bei mir kommt es manchmal auch vor, dass ich gerne sofort die Worte einer anderen kommentieren möchte, aber den Ball nicht so schnell in die Hand nehmen kann wie eine andere. Dann muss ich meine Worte zurückhalten. Aber nachdem ich gehört habe, was andere dazu gesagt haben, merke ich, dass ich aus den Meinungen anderer viel lernen kann. Deshalb sehe ich meine eigene Meinung auch nicht mehr so wichtig und schätze die Worte anderer noch mehr. Ich glaube, das ist schon einmal der erste Schritt zum gegenseitigen Verständnis: anderen zuzuhören.
Seit fünf Monaten läuft dieses zweijährige Projekt des Lernhauses der Frauen. Schon habe ich dabei viel Wertvolles erlebt. Ich bin gespannt, was in den restlichen 19 Monaten auf uns zukommt.
Jing Wang, vom 28.10.2006