
„Wir schlagen vor, gemeinsam zu erkunden, was jeder von uns sagt, denkt, fühlt, darüber hinaus aber auch die tieferliegenden Beweggründe, Annahmen und Glaubenssätze, die dieses Sagen, Denken, Fühlen bestimmen.“
David Bohm, Donald Factor, Peter Garrett
Dialog gehört zum täglichen Leben, wir sind ständig mit anderen Menschen im Gespräch. Wir erleben aber auch häufig, dass Kommunikation misslingt, z.B., weil bei uns eine Gesprächskultur sehr verbreitet ist, in der es darum geht, mit den besseren Argumenten aufzutrumpfen und sich zu bestätigen, dass man Recht hat. Gegenüber dieser Form von Diskussion geht es im Dialog darum, eine echte Begegnung auf gleicher Augenhöhe herzustellen, sich auf die Worte des Gesprächspartners/der Gesprächspartnerin einzulassen, ohne sie gleich zu bewerten oder sie zu widerlegen. Dialog heißt, durch das Wort (griech. dia-logos) eine Verbindung herzustellen. Durch die Bereitschaft zuzuhören und auch einmal Pausen zuzulassen, wird das Gespräch verlangsamt und damit eröffnen sich kreative neue Sichtweisen und Gedanken.
Unser Weltbild und unsere Meinungen gründen sich auf Annahmen, die wir auf verschiedene Weisen erworben haben können, sei es durch familiäre Prägungen, sei es durch Ausbildung und Lehrer/-innen, durch Gespräche, durch Medien. Im Dialog geht es auch darum, diese Annahmen zu hinterfragen und gegebenenfalls zu korrigieren. Eine Haltung von Offenheit bewahrt vor einer schnellen Vorverurteilung und ermöglicht es, die Dinge auch einmal aus der Sicht des/der Anderen zu sehen.
Im Dialog sind alle Lernenden voneinander abhängig und bekommen so Einblick in neue Erfahrungswelten.
Der Dialog ermöglicht eine andere Qualität von Gespräch und Begegnung, er öffnet Türen und baut Brücken der Verständigung. Im Dialog können Gegensätze, Unterschiedlichkeiten und Meinungsverschiedenheiten ausgehalten und sogar als bereichernde, kreative Kräfte erfahren werden. Er lässt sich universal anwenden, im Freundeskreis oder der Familie, am Arbeitsplatz oder in Vereinen und Gemeinschaften. Nach unserer Erfahrung aus dem Sarah-Hagar-Projekt bringt das Dialogprinzip gerade auch in den transkulturellen und interreligiösen Dialog sehr positive Impulse ein.
Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber, der als einer der Väter der Dialogidee gilt, fasst seine Erfahrung mit der schöpferischen Kraft des Dialogs so zusammen:
„Im echten Gespräch geschieht die Hinwendung zum Partner in aller Wahrheit, als Hinwendung des Wesens also. Jeder Sprecher meint hier den Partner, an den, oder die Partner, an die er sich wendet, als diese personhafte Existenz. …
Wo aber das Gespräch sich in seinem Wesen erfüllt, zwischen Partnern, die sich einander in Wahrheit zugewandt haben, sich rückhaltlos äußern und vom Scheinenwollen frei sind, vollzieht sich eine denkwürdige, nirgendwo sonst sich einstellende gemeinschaftliche Fruchtbarkeit.“
Ein gelungener Dialog ist kein Produkt des Zufalls, sondern kann mit Hilfe von besonderen Regeln erreicht werden. Solche Regeln ermöglichen den Aufbau von gegenseitigem Vertrauen und verhindern, dass Gespräche „aus dem Ruder laufen“.
Jede Gruppe, die Dialog praktizieren möchte, sollte sich selbst zu Beginn Regeln geben. Wir hatten uns für den Dialog im Sarah-Hagar-Projekt auf folgende Regeln geeinigt, die wir teilweise von L.Freeman/Dhority und Martina und Johannes F. Hartkemeyer (Miteinander Denken. Das Geheimnis des Dialogs, Stuttgart: Klett-Cotta 31998) und teilweise von den Gesprächsregeln der Überparteilichen Fraueninitiative übernommen haben. Wir möchten sie auch für das transkulturelle und interreligiöse Lernhaus der Frauen zur Grundlage machen:
Wir leben in einer multikulturellen Gesellschaft. Menschen aus allen Teilen der Welt leben zum Teil schon seit mehreren Generationen in Deutschland und sind Teil unserer Gesellschaft. Die Vielfalt verschiedener Kulturen ist eine Bereicherung, keine Bedrohung. Die Fixierung auf eine wie auch immer geartete Leitkultur würde diese Vielfalt zerstören.
Die verschiedenen Kulturen sind keine in sich geschlossenen Einheiten, zwischen denen eine Verbindung erst hergestellt werden müsste, sondern sie durchdringen sich. Transkulturelle Identitäten sind keine Ausnahme, sondern die Regel. Transkultureller Dialog heißt, sich dessen bewusst zu werden.
Für viele Menschen ist die Zugehörigkeit zu einer Religions- oder spirituellen Gemeinschaft, gerade auch in der säkularen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts, ein wichtiger Bestandteil ihrer Identität. Wir begreifen Religion als eine wichtige gestaltende Kraft der Gesellschaft, nicht als reine Privatsache. Im Dialog zwischen den verschiedenen Religionen gilt es, dieses Potential zu nutzen. Auch den Dialog zwischen Politik und Religion möchten wir verstärken.
Kulturelle und religiöse Vielfalt birgt auch Konfliktpotentiale. Das zeigen der Streit um das Kopftuch ebenso wie die Problematik der Zwangsehen oder verbreitete Fremdenfeindlichkeit und Alltagsrassismus. Probleme des Zusammenlebens müssen gemeinsam gelöst und die Zukunft der Gesellschaft durch alle hier lebenden Kulturen gestaltet werden.
Unser Ziel ist es, durch den transkulturellen und interreligiösen Dialog jeder Form von Fundamentalismus vorzubeugen. Es gibt in jeder Religion und jeder politischen Weltanschauung Gruppen, die eine Lehre für ihre Zwecke missbrauchen. Fundamentalismus wirkt sich immer negativ auf Freiheit und Demokratie aus, Vielfalt wird bedroht. Fundamentalismus spaltet Gesellschaften, indem er versucht, Macht durch Einschüchterung auszuüben. Frauen sind hier besonders betroffen, da die Kontrolle über sie im Interesse fundamentalistischer Gruppen liegt. Wir möchten mit dem Lernhaus Netzwerke stärken, die sich für Gleichberechtigung von Frauen, für Menschenrechte, für soziale Gerechtigkeit und für eine aktive Mitgestaltung der Gesellschaft einsetzen.
Das Lernhaus Projekt richtet sich gezielt an Frauen, weil Frauen wertvolle Fähigkeiten in einen transkulturellen und interreligiösen Dialog einbringen können. Frauen sind häufig die Ersten, die in kriegerischen Konflikten nach gewaltfreien Lösungen suchen und das Gespräch mit den „Gegnern“ suchen. Sie sind geübt darin, kreative Lösungen zu entwickeln. Sie haben gelernt, zuzuhören und auf andere einzugehen und bringen so beste Voraussetzungen für den transkulturellen und interreligiösen Dialog mit.
Der reale gesellschaftliche Einfluss von Frauen entspricht nicht dem, was sie einbringen. Die immer noch bestehende Ungleichheit wirkt sich für Frauen migrantischer Herkunft besonders stark aus. Wir möchten deshalb den Einfluss und die Gestaltungsmacht von Frauen stärken. Die Teilnahme an der Lerngruppe soll nicht nur eine bereichernde persönliche Erfahrung ermöglichen, sondern auch dafür qualifizieren, als kompetente Vermittlerin im transkulturellen und interreligiösen Dialog aufzutreten. Das Zertifikat, das am Ende des Projekts für die Teilnehmerinnen ausgestellt wird, kann für neue berufliche Perspektiven attraktiv sein.
Wir möchten mit dem Lernhaus auch Frauennetzwerke weiter ausbauen. Sie sind ein wichtiges Mittel, um das Anliegen der Förderung von Frauen weiter in die Öffentlichkeit zu bringen und auch politisch Einfluss zu nehmen.