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Deniz Güvenç, Jahrgang 1970, arbeitet im Bundesmodellprojekt „Generationsübergreifende Freiwilligendienste“ der Arbeiterwohlfahrt Südost. In ihrer ehrenamtlichen politischen Arbeit hat sie sich für die Rechte homosexueller Menschen aus der Türkei eingesetzt und dabei über die Mehrfachzugehörigkeit aufgeklärt und sensibilisiert Foto: Dagmar Stratenschulte |
Was bringst du mit ins Lernhaus?
Ich bin einer binationalen – deutsch-türkischen – Liebe entsprungen. Meine Eltern haben sich mutig und ehrlich auf einen transkulturellen Dialog eingelassen, sind dabei aber auch auf einige Riffs gelaufen. Die unterschiedlichen Sichtweisen und die Bedeutung von Werten wurden teilweise für ihre Liebe zu einer großen Herausforderung. Die Wertschätzung der Unterschiedlichkeit und Vielfalt schürfte manchmal an den rauen Riffs und hinterließ Verletzungen und Narben des Unverständnisses. Als Kind empfand ich dieses Gestrandet-Sein als bedrohlich. Auf dem scharfen Stein sitzend, hinterließen die Ecken und Kanten der deutschen und türkischen Kultur unangenehme Abdrücke in meinen Handflächen. Mit dem Bewusstsein, dass es sich bei der Identitätsentwicklung nicht immer darum handelt, „die Rosinen aus beiden Kulturen herauszupicken“, hat mir meine Geschichte einen kostbaren Grundstein geschenkt: die Offenheit für einen kantigen Dialog, mit der Hoffnung, etwas Neues zu schaffen, indem die Liebe das Lebendige integriert. Neben dem Erfahrungsschatz, wo man überall stranden kann, liegt meine Motivation zur Teilnahme am Lernhaus darin, den Mut zum Unverständnis nicht über Verletzungen zu gestalten, sondern mit Neugierde die eigene Begrenztheit kennen zu lernen.
Was schätzt du besonders an der Lernhaus-Arbeit?
Den Prozess, die eigene Unvollkommenheit wahrzunehmen und auszuhalten, finde ich herausfordernd, deswegen interessiert mich der Austausch mit den anderen Frauen über ihre kulturübergreifende Identität, im Sinne ihrer Herkunft, Religion, sexuellen Orientierung, Hautfarbe und Alter. Die Methode des Lernhauses, des persönlichen Einstieges in die jeweilige Religion, eröffnet mir dabei einen sehr tiefen und kostbaren Lernprozess. Durch die persönliche Nähe entsteht eine Offenheit, in der die Einzelne mich durch die Offenlegung der Praxis ihrer Religion in den Kern ihres Glaubens führt. Dieser persönliche Kern eröffnet mir als Zuhörerin einen Einblick in das innere Wertesystem und Verständnis der einzelnen Frau von ihrer Religion. Der immense Fundus an Wissen und Erfahrungen, der aus jeder einzelnen Frau heraussprudelt, ermöglicht mir ein sensibles und vertrauensvolles Lernen.
Was nimmst du aus dem Lernhaus mit?
Die Vielfalt der individuellen Identitätsschätze hat mich hinsichtlich meiner Aufnahmefähigkeit an meine persönlichen Grenzen gebracht. Meine bisherigen Schubladen waren überfüllt von den Eindrücken und wurden teilweise gesprengt. Meine anfängliche Abwehr – als Umgang mit der Überforderung – hat meine Schreinerinnenfähigkeiten geboren: Als sich fortwährende entwickelnde Fähigkeit sehe ich nun die Möglichkeit, mein doch sehr beschränktes Schubladensystems zu erweitern, indem ich neue Schubladen baue. Im Beruf ist diese Fähigkeit meines Erachtens genauso fundamental. Außerdem entwickelt sich in mir ein Blick dafür, auf eine Differenziertheit zu achten, die in jeder Religion vorliegt durch die persönlichen Zugänge der einzelnen gläubigen Person.
- und wohin trägst du es?
Ich bin dabei, meine Schubladen zu ergänzen und mit Verzierungen und Verfeinerungen zu schmücken, die mir immer mehr in der lebendigen Vielfalt begegnen. Deshalb überfordert mich diese Frage noch. Ich weiß aber, dass die Fähigkeit, die ich im Lernhaus erwerbe, mich für mein zukünftiges Leben positiv prägen wird.
Die Fragen stellte Karin Nungeßer.
© Transkulturelles und interreligiöses Lernhaus der Frauen Berlin