Transkulturelles und interreligiöses Lernhaus der Frauen

Die aktuelle Lerngruppe – Kurzinterviews

Hanaa El-Hussein

Hanaa El-Hussein, Jahrgang 1968, ist Diplom-Kauffrau und seit 1996 in der Berliner FDP aktiv, u.a. als Vorsitzende des Landesfachausschusses Ausländerpolitik und – seit März 2007 –  als stellvertretende Landesvorsitzende.

Foto: Dagmar Stratenschulte

Was bringst du mit ins Lernhaus?
Ich bin palästinensischer Herkunft und im Libanon geboren. Vor über 30 Jahren kam ich mit meinen Eltern und sieben Geschwistern aus dem Bürgerkrieg nach Berlin. Ich bin hier groß geworden und fühle mich in Berlin zuhause. Deutsche Staatsbürgerin bin ich seit 1990. Nebenberuflich habe ich lange als Familienhelferin im Bezirk Neukölln gearbeitet
Sowohl die deutsche als auch die arabische Kultur gehören zu meiner Identität, ich springe zwischen den Kulturen – und ehrlich gesagt: es gefällt mir so. Ich bin selbst zwischen zwei Kulturen aufgewachsen und kenne die Probleme auf beiden Seiten. Ich glaube, dass es immer wichtiger wird, die Besonderheiten der eigenen und anderer Kulturen zu kennen und im Bewusstsein dieser Verschiedenheit nach dem Gemeinsamen zu suchen. Interkulturelle sowie interreligiöse Teams, wie das Lernhausprojekt, sehe ich als Chance, um an einer besseren Verständigung zwischen Menschen unterschiedlicher Religionen und am Abbau von Vorurteilen und Ängsten mitzuwirken.

Was war deine bisherige Lernhaus-Sternstunde?
Eine Sternstunde ist für mich schon die Zusammensetzung der Gruppen. Es ist spannend an einem Projekt teilzunehmen, wo man die Möglichkeit bekommt, sich regelmäßig mit 24 Frauen unterschiedlichen Alters, Herkunft, Religion und Ausbildung zum Dialog über alle möglichen Themen zu treffen. Zu erkennen, wie unterschiedlich wir alle sind – und dennoch in einen Dialog zu treten, der geprägt ist vom gegenseitigem Respekt, der Toleranz und dem Willen, das Gemeinsame zu entdecken und Brücken zu bauen.

Was erhoffst du dir für die zweite Hälfte des Lernhaus-Programms?
Die Vermittlung von Wissen in den Bereichen Religionen und Kulturen und die Vermittlung interkultureller Kompetenzen sollten noch verstärkt werden. Durch unsere starke individuelle und kulturelle Identität haben wir die Voraussetzung und das Bewusstsein für die Auseinandersetzung mit Menschen anderer Kulturen.
Aber dennoch sollten wir verstärkt lernen, uns in andere einfühlen zu können, Anliegen und Interessen aus Gesten oder anderen Signalen herauszulesen. Auch sollten wir unstrukturierte und widersprüchliche Situationen aushalten können. Wie gehe ich mit Irrtümern, Selbstkritik, Missverständnissen und Fehlschlägen um? Wie gehe ich mit Problemen um, wie kann ich diese lösen und aushandeln? Diese Fragen sollten wir weiter thematisieren. Außerdem fände ich es gut, wenn wir uns künftig noch mehr auf die Gemeinsamkeiten zwischen den Religionen und Kulturen konzentrieren würden.

Was nimmst du aus dem Lernhaus mit – und wohin trägst du es?
Die unterschiedlichen Methoden, die wir gelernt haben, zum Beispiel Techniken aus der Mediation und dem Dialog, versuche ich außerhalb der Lerngruppe im Beruf, in meiner politischen Arbeit sowie privat einzusetzen.  Dasselbe gilt für die Fähigkeit, die eigenen Vorurteile besser zu erkennen, zu reflektieren und mit ihnen umgehen zu können.
Das zeigt auch, dass das bloße Zusammenleben und der Kontakt mit Menschen aus unterschiedlichen Ländern und Religionen nicht automatisch dazu führen, dass man sich besser kennenlernt und über kulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten austauscht. Die Probleme entstehen eher durch Vorurteile und Fehlinterpretation und nicht durch die Konfrontation mit dem Fremden. Wir brauchen in der Gesellschaft mehr Respekt und gegenseitige Anerkennung.
Der Erfahrungsaustausch unter den Teilnehmerinnen des Lernhauses hat mir neue Wege des Dialogs eröffnet. Ich habe hier gelernt, mich neuen Herausforderungen zu stellen, einen Weg der Verständigung aller Menschen zu suchen – egal, wie problematisch eine Begegnung auch sein mag.

Die Fragen stellte Karin Nungeßer.
© Transkulturelles und interreligiöses Lernhaus der Frauen Berlin

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