
![]() |
Ronith Krenge, Jahrgang 1958, lebt in einer deutsch-israelischen Familie. Sie hat eine Ausbildung in Biographiearbeit und als Dramatherapeutin. Foto: Dagmar Stratenschulte |
Was bringst du mit ins Lernhaus?
Ich bin in Israel geboren und komme selbst aus einer interkulturellen Familie: Die Eltern meiner Mutter kamen aus der Türkei, mein Vater kam aus Deutschland – von daher spielte der Dialog zwischen Ost und West familiär schon früh eine große Rolle. Von Kindheit an war ich sehr beeinflusst vom Holocaust. Deutsche waren mein Feindbild, durch mein Leben in Berlin hat sich dieses Feindbild in ein Verständnis und auch in Nähe verwandelt. Migrantin in Deutschland zu sein hat aber auch Identitätsfragen in mir geweckt: Wie weit dehne ich meine Grenzen aus, um dazuzugehören? Wie kann ich mehrere Kulturen – das Jüdische, das Israelische und das Deutsche – gleichzeitig leben? Wie viel Jüdin bin ich? Wie viel Israeli, wie gehe ich mit den deutschen Teile meiner Identität um? Mit diesen Fragen kam ich ins Lernhaus.
Was war deine bisherige Lernhaus-Sternstunde?
Der Workshop über die verschiedenen Religionen. Wir sollten dort über unsere Religionen berichten, und im Nachhinein war mir plötzlich klar, wie viel Mühe ich mir gegeben hatte, um vor den anderen ein schönes Bild meiner Religion zu malen. Diese Verteidigungspflicht hat mich selbst gewundert, und für das erste Mal habe ich mich und meine Religion nicht als eins gesehen. So banal es klingt, ich habe wahrgenommen, dass eine Art latentes Vergleichspiel entstanden ist, als ob ich prüfen wollte: Wie klug und wie gerecht ist meine Religion? Ich konnte dann dieses Verteidigungsgefühl loslassen. Jetzt kann ich sagen: Ich bin Jüdin, ich bin mit meiner Religion verbunden und interessiere mich für sie, obwohl das Judentum gute und schlechte Seiten hat und zum Guten und zum Schlechten benutzt werden kann, genau so wie jede andere Religion oder jedes Ideal.
Was erhoffst du dir für die zweite Hälfte des Lernhaus-Programms?
Ich möchte gerne mehr von den einzelnen Frauen erfahren: Wie sind diejenigen, die sich für den Islam entschieden haben, dazu gekommen? Wie leben andere Frauen mit ihrer Doppelidentität – aus zwei Religionen, zwei kulturellen Identitäten? Wie ist die Beziehung der deutschen Frauen zu Deutschland und zur Vergangenheit? Dazu würde ich mir wünschen, dass wir uns trauen, über bestimmte Themen zu diskutieren. Zum Beispiel von so einem Verteidigungsgefühl zu berichten oder die verletzlichen Ecken der Seele in Bezug auf Kultur und Religion zu erleuchten. Jetzt, wo wir einen Zugang zueinander haben, fände ich es schön, wenn wir uns für solche Fragen öffnen könnten.
Was nimmst du mit aus dem Lernhaus – und wohin?
An erster Stelle die menschliche Nähe, die zwischen uns gewachsen ist durch Geduld, Achtung und Respekt. Dazu die Erfahrung, dass man Dinge geschehen lassen kann. Im Lernhaus haben wir so gelernt, Akzeptanz und Zugewandtheit zu Leuten aufbauen zu können, die einen ganz anderen kulturellen oder politischen Hintergründe haben, eine Achtung für die Menschen und ihre Glaubens- und Unglaubenswege zu spüren. Offenheit für den Prozess, Akzeptanz und eine Achtung den Anderen gegenüber, das sind für mich auch beruflich ganz wichtige Aspekte: Ich biete Biografiearbeit und therapeutische Arbeit an, in Seminaren und Einzelarbeit, und von daher kommen mir die Fähigkeiten, die ich im Lernhaus vertiefen und erweitern konnte, auch beruflich zugute. Die Erfahrung im Lernhaus hat mir viele neue Gedanken ermöglicht und mich dazu gebracht, neue Wege des Dialogs zwischen Fremden und sogar Feinden zu untersuchen. Ich wünsche mir, diese Fähigkeiten und Empfindungen irgendwann in meiner Region umsetzen zu können.
Die Fragen stellte Karin Nungeßer.
© Transkulturelles und interreligiöses Lernhaus der Frauen Berlin