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Gabrielle Zainab Thibaut, Jahrgang 1953, ist seit 17 Jahren Muslima in einem Sufiorden. Sie kommt aus einer deutsch-französischen Familie und leitet als ambulante Krankenschwester Eltern bei der Pflege ihrer Kinder an Foto: Dagmar Stratenschulte |
Wie bist du ins Lernhaus gekommen?
Ich war bei einem Wochenende des Vorgängerprojektes Sarah-Hagar zu Gast und sehr berührt, dass dort in mir Bedürfnisse geweckt wurden, die bisher ein Schattendasein geführt hatten. Über Hadyyah bin ich dann zum Lernhaus gekommen. Ausschlaggebend für meine Motivation zur Teilnahme war ein tiefes Bedürfnis, meinen Horizont zu erweitern und mehr Sensitivität für die unterschiedlichen Kulturen zu entwickeln. Dazu finde ich das Lernen mit und von Frauen spannend. Im Lernhaus geht es um die zentralen Fragen: Gibt es ein gegenseitiges Verständnis, Akzeptanz – trotz der z.T. befremdlichen Lebensweisen und Widersprüche zwischen den Kulturen? Können Gemeinsamkeiten und Wege zur Konfliktbewältigung gefunden werden?
Was war deine Sternstunde im Lernhaus?
Da gab es viele. Besonders beeindruckt hat mich der Rollentausch bei unserem Wochenendseminar zum Thema Dialog: Wir mussten für denselben Sachverhalt einmal die Pro- und einmal die Kontraseite vertreten – und ich habe gemerkt, dass manche Probleme sich so sehr schnell relativieren. Außerdem gefiel mir der kreative Teil am Schluss unseres Seminars über die unterschiedlichen Religionen, wo wir in mehreren Gruppen „ohne Worte“, aber sehr ausdrucksstark – verkleidet, mit viel Mimik und Bewegung – bestimmte Konfliktthemen dargestellt haben. Ich finde aber auch den gemeinsamen Prozess in den zweiwöchentlich stattfindenden Lerngruppentreffen sehr fruchtbar und freue mich, dass das langsam Gestalt annimmt. Mich beeindrucken das gesellschaftspolitische Engagement und die Kompetenz der Frauen, die aus den unterschiedlichsten Bereichen kommen, und der spannende Austausch, der sich zwischen uns entwickelt.
Worauf freust du dich für die zweite Hälfte des Programms?
Ganz besonders auf das Biografie-Wochenende mit Ronith, aber auch auf die Veranstaltung mit den Friedensfrauen Ende März. Der Film über die „1.000 Frauen für den Frieden“, den wir uns im Lernhaus zusammen angesehen haben, hat mich sehr darin bestärkt, dass durch persönlichen Einsatz und große Überzeugung auch unter widrigsten Umständen sehr viel für Gerechtigkeit und bessere Lebensumstände gemacht werden kann. Insgesamt erhoffe ich mir für die zweite Hälfte des Lernhausprogramms bei allen Teilnehmerinnen Geduld, um den Prozess zwischen uns nicht zu stören. Gleichzeitig wünsche ich mir Kontakte zu multikulturellen Einrichtungen wie Kitas, Schulen und Hospizen – und dass wir unsere Arbeit am Ende einer größeren Öffentlichkeit vorstellen können.
Was nimmst du von hier mit?
Die Fähigkeit, Vorurteile besser zu erkennen und mit ihnen umzugehen, die Einsicht, dass es bei allen Unterschieden auch sehr viel Gemeinsames zwischen den Kulturen gibt, eine Sensibilisierung meiner Sichtweisen.
- und wohin trägst du es?
Meine veränderten Sichtweisen lasse ich sowohl privat wie beruflich einfließen. Als ambulante Krankenschwester betreue ich zu zwei Dritteln muslimische Kinder und ihre Familien, die aus ganz unterschiedlichen Ländern kommen – da helfen mit die neuen Einsichten, die ich im Lernhaus gewinne, ganz besonders.
Die Fragen stellte Karin Nungeßer.
© Transkulturelles und interreligiöses Lernhaus der Frauen Berlin