
Für die Einführung in Dialogmethoden und -praxis konnte das Lernhaus Berlin Martina Hartkemeyer aus Osnabrück gewinnen. Sie ist eine erfahrene Dialogtrainerin, die seit vielen Jahren Dialogbegleiter/-innen ausbildet (http://www.dialogprojekt.de/). Unterstützt wurde sie von Traute Harms, Trainerin für Mediation und Konfliktmanagement.
Da dies gleichzeitig der erste Termin war, an dem die gesamte Gruppe (24 Frauen) zusammenkam und alle natürlich sehr neugierig aufeinander waren, stand am Beginn eine ausführliche Kennenlernrunde. Neben einigen Elementen aus der Dialogtheorie wurden im Lauf der sehr intensiven zwei Seminartage viele praktische Übungen sowohl in der großen Gruppe als auch in Kleingruppen durchgeführt. Einige ausgewählte Elemente des Seminars werden im Folgenden vorgestellt.

Ein Leitfaden durch die Veranstaltung waren die zehn Kernfähigkeiten für den Dialog (Vgl. M. & J.F. Hartkemeyer/L. Freeman Dhority, Miteinander Denken. Das Geheimnis des Dialogs, Stuttgart 1998, 78ff.), die in Form von großen Karten mit graphischen Symbolen im Raum ausgelegt wurden:
Sie bilden das Herzstück der Dialogmethode und sollen in die zukünftige Arbeit der Lerngruppen einbezogen werden. Jeweils zwei bis drei Frauen tauschten sich über einen Begriff aus (über Assoziationen, Chancen, Schwierigkeiten). Die Begriffe wurden nach und nach der gesamten Gruppe vorgestellt und es gab die Möglichkeit, darüber ins Gespräch zu kommen und Erfahrungen auszutauschen.

Ein weiteres wichtiges Element waren offene Dialogrunden mit der Gesamtgruppe. Hier wurden Klangschale und Redekugel als den Dialog unterstützende Elemente eingeführt. Beide dienen der Verlangsamung des Gesprächs und schaffen damit eine andere Qualität als in unserer Gesprächskultur häufig üblich. Sie trainieren die Fähigkeit des Zuhörens und voneinander Lernens. Diese Runden dienten einerseits der Gruppenfindung, da sie die Möglichkeit boten, Erwartungen und Ideen einzubringen. Folgende Fragen dienten als Anstoß für den Dialog:
Was wollen wir miteinander und voneinander?
Welche Potentiale haben wir?
Gibt es eine gemeinsame Vision?
Welche Ängste gibt es?
Andererseits ermöglichten es diese Runden, grundlegende Dialogtechniken auszuprobieren und damit zu experimentieren. In einer abschließenden Feedbackrunde konnten sich die Frauen über Vor- und Nachteile dieser Techniken austauschen. Insgesamt wurden die Techniken als hilfreich gesehen, aber Details wurden auch durchaus kritisch bewertet.
In den Dialogrunden kristallisierten sich auch bereits erste Themen heraus, die für die Gruppe wichtig sind. So wurde z.B. der Wunsch geäußert, auch über eigene Vorurteile sprechen zu können, diese nicht in eine Tabuzone zu verbannen. Eine weitere Frage, die immer wieder auftauchte, war, wie das, was wir hier gemeinsam lernen, im Alltag umgesetzt werden kann. Beides wird bei der weiteren Gestaltung des Projekts Berücksichtigung finden.

Am erstgenannten Thema knüpfte eine weitere Übung an, in der es darum ging, sich der „Leiter von Schlussfolgerungen“ bewusst zu werden, die unsere Wahrnehmung und Urteilsbildung prägt. Es wurde ein Bild betrachtet, auf dem ein englischer Polizist zu sehen ist, der hinter einem Mann mit schwarzer Hautfarbe in Zivil herläuft (Vgl. Hartkemeyer/Dhority, Miteinander Denken, 86-90). Was nehmen wir wahr, wenn wir das Bild betrachten? Welche Annahmen machen wir in unseren Köpfen? Aus welchen Informationen speisen sich diese Annahmen?
Verfolgt der Polizist den anderen Mann? Handelt es sich um eine Verbrecherjagd? Verfolgt der Polizist einen Unschuldigen? Oder rennen beide hinter einer dritten Person her?
Das Bild zeigt tatsächlich zwei Polizeibeamte im Einsatz, die einer dritten Person hinterher rennen. Im Gespräch der Gruppe wurde deutlich, dass eine Vielzahl von Interpretationen möglich ist und dass es ein sehr spannender Prozess ist, sich deutlich zu machen, wie schnell wir aufgrund von kulturellen und persönlichen Prägungen Urteile fällen.

Ein Rollenspiel legte den Schwerpunkt darauf, sich im Konflikt in die Perspektive des anderen hineinzuversetzen. In einem kontroversen Gespräch wurden nach kurzer Zeit die Rollen getauscht. Die Pro-Seite musste plötzlich die Kontraseite vertreten und umgekehrt. Eine Frau nahm die Rolle der Beobachterin des Ganzen ein. Es wird so lange rotiert, bis alle einmal auf jeder Position gewesen sind. Außerdem werden verschiedene Gesprächsmodi ausprobiert, zunächst vertreten die beiden Kontrahentinnen ihre Position mit Vehemenz und Unnachgiebigkeit, in einer letzten Runde versuchen sie, eine dialogische und erkundende Haltung einzunehmen und produktiv zu plädieren. Die Teilnehmerinnen können so ausprobieren, wie sich die verschiedenen Gesprächsmöglichkeiten anfühlen und was dabei mit ihnen geschieht (Körperhaltung, Gestik usw.). Es wird auch die Fähigkeit trainiert, die eigene Perspektive zu hinterfragen und sich in die Perspektive anderer einzudenken.
Die konzentrierten Übungen wurden immer durch Körperübungen und Gruppentänze aufgelockert, die gleichzeitig eine sehr gute Gruppenatmosphäre schufen. Sie wurden von allen Beteiligten als sehr positive Ergänzung empfunden.
In einer Partnerinnenübung setzten sich jeweils zwei Frauen Rücken an Rücken und hörten gemeinsam ein meditatives Musikstück. Danach tauschten sich die Frauen darüber aus, wie sie das Hören erlebt haben, wie sie den Kontakt zu der anderen Frau empfunden haben, welche Gedanken ihnen beim Hören der Musik gekommen sind. Anschließend wurden die Sitzpositionen getauscht und dasselbe Stück wurde noch einmal angehört. Die Aufgabe dabei war zu versuchen, mit den Ohren der Partnerin zu hören. In einem weiteren Gespräch fand dann ein erneuter Austausch über die Erfahrungen damit statt. Diese Übung erfordert eine bereits bestehende Vertrauensatmosphäre und ermöglicht dann eine intensive Selbstwahrnehmung und Wahrnehmung anderer.