
Die Berliner Lerngruppe lernte unter der fachkundigen Begleitung von Michael M Pannwitz von boscop, berlin open space cooperative, und seiner Assistentin Gyunay Abassova am 9. und 10.09.06 die faszinierende Welt des open space-Verfahrens kennen. Open space – das bedeutet, einen „offenen Raum“ zu schaffen, in dem die Ideen und Pläne einer Gruppe zunächst frei schweben und dann die Gestalt konkreter Vorhaben annehmen können. Die Idee des open space knüpft an das Phänomen an, dass sich das Wichtigste auf Konferenzen häufig in den Kaffeepausen ereignet. Dann stehen die Teilnehmenden in kleinen Gruppen zusammen, tauschen sich über das aus, was ihnen wirklich am Herzen liegt, treffen Verabredungen stoßen gemeinsame Projekte an. Die Energie und Kreativität solcher informellen Begegnungen werden beim open space zum Prinzip gemacht. Die Fähigkeit zur Selbstorganisation und zur Eigenverantwortlichkeit werden in den Mittelpunkt des Geschehens gestellt. Und das funktioniert!
Unser Vorhaben war, mit Hilfe eines open space das vielfältige Potential der Gruppe für den gemeinsamen Lernprozess fruchtbar zu machen. Deshalb lautete unser Thema, das von einer Vorbereitungsgruppe erarbeitet wurde: Wir gestalten unsere Zusammenarbeit und entwickeln unser Programm für den interkulturellen Dialog.

Die Regeln des open space sind einfach und überschaubar. Sie bestehen aus vier Grundsätzen, einem Gesetz und einer Ermahnung:

Das Gesetz der zwei Füße besagt, dass ich eine Gruppe mit meiner Abwesenheit ehren kann, wenn ich weder etwas lernen noch etwas beitragen kann. Ich kann als „Hummel“ oder als „Schmetterling“ agieren. Als „Hummel“ ziehe ich von einer Gruppe zur nächsten und kann Ideen und Anregungen weitertragen. Als „Schmetterling“ ziehe ich mich mit einer Tasse Kaffee o.Ä. aus dem Prozess zurück und mache mir meine eigenen Gedanken und komme vielleicht mit anderen „Schmetterlingen“ ins Gespräch. Aus diesem Freiraum können besondere Impulse für den gesamten Gruppenprozess entstehen.
Ich versuche, mich von vorgefertigten Meinungen und Vorstellungen zu einem Thema frei zu machen und offen zu sein für das, was kommt. Vielleicht eröffnen sich mir so ganz neue Zugänge und Denkweisen. Überraschungen sind willkommen!

In der Mitte des Stuhlkreises warteten Papier und Stifte. Jede, die möchte, kann ein Thema aufschreiben, das ihr am Herzen liegt. Dieses Thema wird an das so genannte schwarze Brett gehängt, das mit einem Zeitraster für die einzelnen Arbeitsgruppen versehen war.
Themen, die in unserem open space eingebracht wurden, waren z.B.: Biographiearbeit: Wie kann sie Brücken zwischen den Kulturen schlagen? Oder Streitkultur: Wie können wir uns konstruktiv streiten und über Differenzen reden? Oder Geschlechterrollen in den unterschiedlichen Religionen und Kulturen oder Erziehung in der multikulturellen Gesellschaft. Auf diese Weise kamen 16 Angebote für Arbeitsgruppen zustande. Anschließend findet ein Markt statt. Die Teilnehmerinnen schauen sich die Angebote an und müssen sich für Themen entscheiden, an denen sie mitarbeiten möchten.
Damit alle Angebote bearbeitet werden können, tagen mehrere Arbeitsgruppen parallel in mehreren Runden. In unserem Fall ergaben sich vier Runden mit jeweils vier parallel tagenden Arbeitsgruppen. Es werden nur die Anfangszeiten festgelegt, das Ende ergibt sich aus dem Prozess (s.o. vierter Grundsatz). Die Teilnehmerinnen dokumentieren ihre Ergebnisse in vorgefertigten Formularen. Diese Kurzberichte werden im Anschluss an die Arbeitsgruppenphase für alle an großen Pinwänden zugänglich gemacht.
In einer Ergänzungsrunde können die ausgehängten Ergebnisse von allen mit Ideen, Vorschlägen, Anregungen ergänzt und kommentiert werden. Mit einer gemeinsamen feedback-Runde wird dieser Teil des open space abgeschlossen.

Über Nacht wird dann eine Dokumentationsmappe mit allen Ergebnissen und einer Kontaktliste für alle Teilnehmerinnen erstellt, die sie am nächsten Morgen erhalten und sich in Ruhe durchlesen können. Auf dieser Grundlage werden dann die nächsten Schritte und konkrete Vorhaben entwickelt. Wie in der ersten Runde hat jede Teilnehmerin die Möglichkeit, ein Vorhaben auf einen Zettel zu schreiben. Im Unterschied zu der ersten Runde geht es nun darum, pragmatisch und konkret zu werden und nächste Schritte zu verabreden, wie das Vorhaben umgesetzt werden kann. Dazu können sich wieder alle, die gerne mitmachen möchten, eintragen und sich zusammensetzen. Entscheiden wichtig dabei ist, dass sich eine Kontaktperson verbindlich bereit erklärt, die weiteren Schritte zu koordinieren. Für uns ergab sich z.B. das Vorhaben, die nächste Basic-Veranstaltung zum Thema „Geschlechterrollen in den unterschiedlichen Religionen und Kulturen“ zu gestalten. Es bildetet sich eine Arbeitsgruppe, die einen Termin für die weitere Planung verabredete.
Auch die Vorhaben werden für alle Teilnehmerinnen kopiert, so dass sie ihre Arbeitsergebnisse gleich mit nach Hause nehmen können.
Eine Abschlussrunde im Plenum beschließt den open space.
Ein großer Teil der Informationen zu open space ist dem Faltblatt von boscop, berlin open space cooperative, entnommen, siehe auch www.boscop.de

„Die Kreativität sprudelte nur so!“
„Teilweise war es hektisch und anstrengend, so viele Ideen und Themen auf einmal, das hat mich überfordert.“
„Mir hat total gefallen, dass eine Form da war, aber trotzdem Freiheit für Kreativität, die Arbeitsgruppen waren so wie leere Schubladen, die wir füllen konnten.“
„Ich war positiv überrascht, dass doch so viel dabei herauskommt: Die Beschreibung mit der Kaffeepause hatte bei mir zunächst negative Assoziationen geweckt.“
„Es wurden auch die Unterschiede zwischen uns deutlich. Ich habe mich gefragt, wie wir das schaffen können, zu kontroversen Themen zu arbeiten.“
„Es war eine gute Gelegenheit, die Lerngruppenteilnehmerinnen besser kennenzulernen.“
„Eine Strukturierung der Fülle wurde möglich, wir haben Prioritäten setzen können, aber es wurden auch mögliche Konfliktfelder deutlich.“
„Ich fand die Eigenverantwortlichkeit und die Gleichrangigkeit aller Teilnehmerinnen gut.“